Bücher von Heinz Klein

 

 

 

 

 

 

„Rote Grütze küsst Vermicelles“

„Vermicelles“ ist Maronenpürre und wird -Wermiesell- gesprochen. Es ist ein Dessert, welches hauptsächlich in der Schweiz gegessen wird. Und da ist es beliebt, bei allen „Frauen“.
Es wird mit viel Witz unsere Unbekümmertheit in der Kochlehre und die nachfolgenden Jahre beschrieben. Wenn ich mich mit meinen Freunden über diese Zeit unterhalte, lachen wir noch heute darüber. Ich habe damals Hans Diedrich Genscher bewirtet und ein Büfett für den Niedersächsischen Ministerpräsidenten, Christian Wulf hergestellt und Didi Hallaforden kennengelernt.

Heinz Klein

„Ente mit Orangenkraut“

„Ente mit Orangenkraut“ 456 Seiten
„geballte Gastronomie-Erlebnisse“
Es ist die Fortsetzung des ersten Buches !

Das Buch hat 456 Seiten und kann im Online Handel bei Amazon, oder beimTredition Verlag, bestellt werden.
Selbstverständlich können Sie es auch direkt in der Süßen Sünde bestellen, oder unter meiner Adresse : buxkleinod@gmx.de
Ich sende es Ihnen kostenlos.

Leseprobe von Buch 3

Wenn die Seele verbrennt...

An einem langweiligen Montag – der Regen schlug gegen das Fenster und die Tür öffnete sich immer selbständig, weil der Wind an der Tür zog – kam ein junger Mann ins Restaurant. Er setzte sich vorsichtig in die Ecke am Tresen und bestellte einen Kaffee. Seine schwarzen lockigen, nassen Haare waren schon etwas länger geworden und er trug ein altes, kariertes Holzfällerhemd. Ich stellte ihm den bestellten Kaffee hin und er bedankte sich leise. „Ich muss noch mal eben in die Küche, meinen Mittagstisch vorbereiten“, sagte ich. „Kein Problem, machen Sie nur.“

Nach etwa zehn Minuten kam ich wieder nach vorn an den Tresen. Er saß ganz ruhig in der Ecke und starrte vor sich hin. „Das ist vielleicht ein Sauwetter heute. Ich glaube, heute kommt kein einziger Gast zum Mittag.“ „Hast du mittags viel zu tun?“ „Mal so und mal so. Es könnte manchmal etwas mehr sein.“ „Ich bin auch Koch“, sagte er plötzlich. „Ah ha“, sagte ich, „arbeitest du hier in Buxtehude?“ „Nein, zurzeit bin ich krankgeschrieben.“ Er nahm seine Tasse und wollte trinken, aber er zitterte dermaßen, dass er sie wieder absetzte. Er konzentrierte sich und versuchte es noch einmal. Nun gelang es ihm, den Kaffee zu trinken. Das machte mich doch etwas stutzig. Alkoholiker, Drogen oder Restalkohol vom Vorabend, überlegte ich.

„Nein, ich bin schon ein Jahr krankgeschrieben, aber langsam geht es mir wieder besser. Nur meine Hände zittern immer noch zu stark, um wieder zu arbeiten. Ich soll in zwei Monaten wieder jeweils drei Stunden am Tag arbeiten, sagt mein Doktor.“

„Hattest du einen Unfall?“ „Nein, ich war eine Kochnutte, ein Mietkoch. Ich habe für Catering-Firmen gearbeitet. Ich bin viel herumgekommen. In ganz Deutschland habe ich mit Sterneköchen gekocht. Aber irgendwann wurde es immer schwerer, bis ich einen Zusammenbruch hatte.“ Ich schaute ihn erstaunt an und fragte ihn, wie lange er dieses Leben geführt hat. „Wann ich aus der Spur gekommen bin, weiß ich nicht genau. Es kam irgendwie schleichend, ohne, dass ich es bemerkt habe. Ich bin 35 Jahre alt. Meine Frau hat sich von mir scheiden lassen und ist mit meiner fünfjährigen Tochter zu ihren Eltern gezogen. Ich habe sehr viel Geld verdient, aber mir ist nichts davongeblieben. Ich habe jetzt einen Job bekommen. Ich darf einige Monate in der Produktion arbeiten. Dort habe ich nichts mit dem a la carte Geschäft zu tun und kann mich wieder ganz langsam einarbeiten. Vielleicht klappt es ja, dass ich mal wieder in der Küche arbeiten kann.“

Ich musste nun schnell wieder in die Küche. Ich hatte keine Zeit mehr, mich mit ihm zu unterhalten, aber sein Schicksal ging mir sehr nahe. Als ich wieder nach vorn kam, war er aufgestanden und wollte zahlen. „Was du mir da erzählt hast, hat mich sehr bewegt. Ich beliefere seit einiger Zeit Kunden mit Catering, und ich brauche Hilfe. Hättest du Interesse, mir mal zu helfen? In der Regel ist das immer an Samstagen. Ich kann dir aber nur 10,-€ die Stunde zahlen. Du kannst mir dann nebenbei erzählen, wie du aus der Spur gekommen bist, verdienst etwas Geld und ich habe eine Hilfe. Bestimmt kann ich auch etwas von dir lernen.“ „OK, das mache ich gern. Aber wie viel du mir bezahlst, klären wir später. Erwarte nicht zu viel von mir. Ich helfe dir Büfetts zu machen und kann in aller Ruhe wieder in den Beruf zurückkommen.“ „Das machen wir.

Hast du am nächsten Samstag ab 10:00 Uhr Zeit? Da soll ich 250 exklusive Kanapee machen, für eine goldene Hochzeit. Eigentlich kannst du jeden Samstag kommen. Außerdem interessiert es mich, wo du gearbeitet hast.“ „Geht klar, ich bin Samstag um 10:00 Uhr da.“  Er zahlte und ging ruhig und bedächtig nach draußen. Den ganzen Tag musste ich an dieses Gespräch denken. Wie kann man so krank werden durch den Beruf oder, was hat er falsch gemacht? Oder wird man langsam in solche Situation hineingedrängt?

Am Samstag fing ich schon um 9:00 Uhr an mit den Kanapees. Es wurde 10:30 Uhr, aber der Typ kam nicht. Als ich es schon längst aufgegeben hatte, läutete plötzlich die Eingangsglocke. Mann, wir haben geschlossen, wer ist das nun wieder, dachte ich und lief nach vorn und da stand er. „Hallo, hattest du mich vergessen?“ „Nein, ich hatte Angst davor, dir zu helfen. Du hast gesagt, du könntest von mir lernen. Aber das stimmt nicht. Der einzige, der hier etwas lernen kann, bin ich. Ich könnte lernen, wieder zu mir zu finden und mich an längst Vergessenes erinnern.

Ich hatte Angst, dich zu enttäuschen. Ich will kein Geld. Ich will nur meine Sorgen bei dir loswerden und mich an etwas längst Vergessenes erinnern. Mein Kopf ist so voll mit Erinnerungen und Schmerzen. Ich habe meiner Familie so viel angetan und für alles gebe ich mir die Schuld. Meine Gedanken rasen Tag und Nacht durch den Kopf und fragen immer warum, wann fing es an, warum konnte ich mich nicht bremsen.“ „Gut, komm mit nach hinten. Ich bin noch nicht fertig. Du kannst mir was erzählen, helfen oder nur zuschauen.“

Ich ging zu meinem Arbeitsplatz zurück. Die letzten 100 Kanapee mussten noch belegt und garniert werden. „Nimm dir aus dem Tresen etwas zu trinken.“ Ich machte schnell weiter. Schweinefilet in dünne Scheiben schneiden und auf das Brot legen. „Ich heiße übrigens Bernd. Du solltest etwas Krautsalat in einem Tuch ausdrücken, dass es nicht mehr nass ist und unter das Schweinefilet legen. Dadurch werden die Teile saftiger. Besser ist es noch, den trockenen Krautsalat mit etwas Majo zu vermengen.“ „Gut, dann machen wir das so. Krautsalat und Majo steht im Kühlraum gleich an der rechten Seite.“

Er ging in den Kühlraum und stellte dann eine Paste daraus her. Damit belegten wir das Brot und drapierten das Schweinefilet darauf. Dann schnappte er sich ein Stück Fettpapier, drehte sich eine Tüte, füllte sie mit Mayonnaise und garnierte die Stücke mit dünnen Streifen. Darauf kamen eine schwarze Olivenscheibe und Petersilie. „Toll, sieht gut aus.“ Nun mussten wir noch fünfzig Graved Lachs Stücke belegen. Ich holte den fertig geschnittenen Lachs aus dem Kühlraum. „Den solltest du lieber selber marinieren. Er schmeckt besser und du kannst ihm immer wieder eine neue Geschmacksrichtung geben.

Du musst zwei Drittel Salz und ein Drittel Zucker vermischen und den Lachs ganz dick damit einpacken. Dann alles stramm in Folie wickeln. Man sollte ihn mit irgendetwas beschweren, dann verliert er mehr Wasser und die Fermentierung geht etwas schneller. Ich habe ihn oft mit einer zweiten Platte und mit einem Gefäß voll Wasser beschwert. Nach 24 bis 30 Stunden muss er abgewaschen werden. Er wird dann mit frischem Dill, Pfeffermühle und abgeriebener Zitrone gewürzt. Aber du kannst auch Gin, Cognac oder Orangensaft nehmen. Nach etwa vier Tagen kannst du ihn benutzen. Er hält sich im Kühlraum mindestens ein bis zwei Monate.“ So nebenbei erzählte er mir, wie sein Leben aus dem Ruder gelaufen ist:

„Ich hatte geheiratet und meine Frau war schwanger. Dann konnte ich an der Hamburger Elbchaussee in einem guten Restaurant arbeiten. Ich bekam zwar nicht so viel Geld, aber es war unheimlich spannend auf so einem hohen Niveau zu kochen. Austern, Enten, Trüffel und die teuersten Produkte wurden bei uns verarbeitet. Aber ich musste immer länger arbeiten. Mal war ein Kollege krank und ich musste einspringen, oder der Chef war auf einem Event bei reichen Leuten kochen. Meiner Frau gefiel das überhaupt nicht. Sie hatte Angst vor der Geburt und ich bin dann vielleicht nicht da. Wir stritten uns immer öfter. Aber mir machte die Arbeit unheimlich viel Spaß. Ich war zwischen Beruf und Familie hin und hergerissen.

Plötzlich aus heiterem Himmel musste das Restaurant geschlossen werden. Wir waren pleite und keiner hatte etwas gemerkt. Der Chef hatte längst etwas Neues, aber wir standen alle auf der Straße. Ich hatte natürlich Angst, zu wenig Geld zu verdienen. Meine Frau bekam schließlich ein Kind und konnte zurzeit nicht arbeiten. Dann hörte ich von einem Catering-Unternehmen, die in ganz Deutschland Aufträge haben. Ich rief dort an und wurde sofort angenommen, als sie von meiner letzten Arbeit hörten.

Drei Tage später hatte ich den ersten Auftrag im Hamburger Messe Centrum. Für eine große Firma sollten 1500 Gäste bewirtet werden. Ich fuhr morgens zum Messegelände und fand auch schnell die Leute. Auf einem LKW kam eine komplette Küche mit Herde, Backöfen, Arbeitstische und sämtlicher Ausstattung. In einem weiteren LKW waren Geschirr, Besteck, Tischdecken und Dekoration für die Tische. In einem Kühlwagen standen sämtliche Lebensmittel bereit, verarbeitet zu werden. Nach einer Besprechung sämtlicher Mitarbeiter wurde zuerst alles aufgebaut und sofort mit der Arbeit begonnen.

Wir hatten nur noch zehn Stunden Zeit alles herzurichten. Wir arbeiteten wie die Wilden. Hatten keine Zeit zum Essen und waren den ganzen Tag in Zeitnot. Mit dreißig Minuten Verspätung ging das Essen raus. Alle Gäste waren sehr zufrieden und wir bekamen von allen Seiten Lob. Die Chefs hatten den ganzen Tag herumgeschrien und Druck gemacht, aber wir hatten es geschafft.

Bis Mitternacht haben wir noch alles abgebaut und in den LKWs zum Abtransport verstaut. Dann fuhr ich nach Hause. Meine Frau machte mir Vorwürfe, weil ich nicht bei ihr war. Sie hatte am Tag leichte Bauchschmerzen und musste ein Taxi anrufen, um ins Krankenhaus zu kommen. Aber es war falscher Alarm. Ich beruhigte sie und erzählte ihr, dass ich insgesamt 380,- € an einem einzigen Tag verdient hatte. Das ist doch toll. Sie fand es gar nicht toll, weil ich sie allein gelassen hatte. Ich meinte das sie übertrieb, denn das Baby kommt doch erst in etwa einem Monat.

Inzwischen hatten wir die Kanapees fertig. Um 18:30 lieferten wir sie zusammen noch aus und verabschiedeten uns. „Das hat mir gefallen. Ich komme auf jeden Fall nächsten Samstag wieder und helfe dir.“ „Es wäre mir lieber, du kommst Donnerstag schon. Wir haben eine große Trauerfeier mit sechzig Personen zu beliefern. Dafür brauchen wir 240 Kanapees.“ „OK, dann komme ich Donnerstag und helfe dir.“ Ich wollte ihm nun 50,00 € zustecken, aber er wollte es nicht annehmen.

  1. Teil

Als Bernd am Donnerstag kam, fing er allein mit den Kanapees an, weil ich noch Mittagsgäste zu versorgen hatte.

Er war sehr ruhig und ich ließ ihn. Dann erzählte er: „Mich reizte diese neue Arbeit, weil ich nur zwei bis drei Tage in der Woche arbeiten brauchte und das Doppelte verdiente als bisher. Unser nächster Einsatz war in Hannover auf dem Messegelände. Zwei Tage sollten wir arbeiten und 2000 Gäste bewirten. Am ersten Tag kochten einige 200 Liter Kürbissuppe und wir anderen schnitten kleine Kürbisse in der Mitte durch und höhlten die Hälften aus. Darin sollte die Suppe serviert werden. Wir arbeiteten den halben Tag daran, diese blöden Kürbisse zu entkernen.

Einer schnitt sich in die Hand und musste nach Hause gehen. Erst am Abend konnten wir uns um die Vorspeise kümmern. In einem weiteren LKW standen einige Liegen, auf denen wir uns ausruhen konnten. Ich war um 22:00 Uhr fertig und musste mich ein wenig ausruhen. Natürlich war ich sofort eingeschlafen. Um sechs Uhr wurde ich geweckt. Dann ging es nach einem kleinen Frühstück weiter. Beim Frühstück erzählte man uns, worauf es bei der Hauptspeise ankommt. Die Lammlachse wurden pariert, leicht gewürzt und im Kühlraum bereitgestellt. Dazu sollte es schwarze Linsen geben, die mit einer Karottenscheibe und einem Blumenkohlröschen garniert werden. Zur Garnitur eine drei Zentimeter lange Frühlingszwiebel, eine sautierte Kirschtomate und etwas Demi Glace. Ein anderes Team befasste sich mit dem Dessert.

Nachmittags machten wir unseren ersten Test mit der Suppe. Die Suppe wurde in den halben Kürbis eingefüllt und wir konnten alle probieren. Es war grauenhaft. Die Suppe schmeckte bitter. Wir kontrollierten hektisch die Suppe, aber die war in Ordnung. Es lag an dem Kürbis. Keiner hatte daran gedacht, dass der Kürbis Bitterstoffe hat. Natürlich war es ein Zierkürbis, aber den sollte ja auch keiner essen. Wir mussten sofort umdenken.

Die ganze Arbeit mit den Kürbissen war umsonst. Aber worin soll die Suppe serviert werden? Ein Team fuhr los, 2000 Suppentassen zu besorgen. Sie kamen gerade noch rechtzeitig an. Das Essen lief ohne Probleme ab. Bis am nächsten Morgen um sechs Uhr war alles abgebaut und in den LKWs verstaut. Dann fuhr ich nach Hause. Nun hatte ich 48 Stunden gearbeitet und bekam 20,00 € die Stunde. Mit der Auslösung für zwei Tage waren das 1060,00 €. Ein schönes Geld in kurzer Zeit.

Meine Frau war zwar ungehalten, weil ich zwei Tage nicht da war, aber wir brauchten ein Kinderbett und eine Wickelkommode. Den Kinderwagen bekamen wir von den Schwiegereltern. Wir brauchten natürlich Geld und wer verdient das? Ich natürlich!

Also konnte ich doch den nächsten Termin in Berlin wahrnehmen. Danach kam wieder ein Event in Kiel und dann in Kassel.

Der nächste Einsatz sollte in Hannover stattfinden. Wieder waren es zwei ganze Tage Arbeit und ein Tag für An- und Abreise. Es sollte ein Empfang auf dem Messegelände der Funkausstellung werden. Das Menü war kompliziert. Ich wurde als Sous Chef eingeteilt, weil die Geschäftsleitung erkannt hatte, dass ich so leicht nicht aus der Ruhe zu bringen war. Also hatte ich nun sehr viel Verantwortung. Wir waren mitten im Service, als ein Anruf von meiner Frau kam. Mein Chef hat einfach zu ihr gesagt, ich hätte jetzt keine Zeit. Sie soll doch in einer Stunde wieder anrufen. Drei Stunden später, als wir mit dem Essen durch waren, sagte er nebenbei, dass meine Frau angerufen hätte. Sofort versuchte ich sie anzurufen, aber keiner nahm ab. Dann rief ich bei meinen Schwiegereltern an, aber auch dort bekam ich keine Verbindung. Ich ahnte Schlimmes. Wenn die man nicht im Krankenhaus sind? Am nächsten Morgen um 10:00 Uhr konnte ich endlich zurückfahren. Ich hatte noch mehrmals versucht anzurufen, aber niemanden erreicht. Um 14:00 Uhr war ich endlich zu Hause. Es lag ein Zettel auf dem Tisch, dass meine Frau im Kreiskrankenhaus ist. Sofort fuhr ich zu ihr. Und richtig, meine Tochter war am Abend um 23:30 Uhr geboren. Als ich ihr Zimmer betrat, war eisiges Schweigen. Meine Frau machte mir sofort Vorwürfe. Ich versuchte ihr zu erklären, dass man mich nicht verständigt hatte, weil der Service lief. Langsam beruhigte sie sich. Als ich ihnen erklärte, dass ich als Sous Chef in den drei Tagen 1400,00 € verdient hatte, waren alle wieder zufrieden. Als ich endlich zu Hause war, habe ich 15 Stunden geschlafen.

Nun war unsere Tochter da und wir brauchten natürlich wieder Geld. Ich hatte noch nie als Koch so viel Geld verdient wie jetzt als Kochnutte. Wir kamen locker auf vier- bis sechstausend DM im Monat. Meine Frau war begeistert. Aber immer wieder musste ich für drei bis sechs Tage von zu Hause fort. Manchmal lag nur ein Tag zwischen den einzelnen Aufträgen. Ich schlief immer schlechter und wurde immer nervöser. Die Einsatzorte lagen immer weiter auseinander. Von Hamburg nach Berlin und nach danach München.

Meine Frau dachte gar nicht daran, wieder zu arbeiten. Warum auch? Ich verdiente ja genug. Dann kam ihr Wunsch nach einem eigenen Haus. Unser Lebensstandard war gewaltig gestiegen. Essen gehen und die schönsten Klamotten für unsere Tochter und meine Frau. Ein neues Auto musste her. Aber kein Kleinwagen, sondern ein Cabrio sollte es sein. Ich behielt meine alte Karre und kaufte meiner Frau ein Golf Cabrio. Als ich das nächste Mal nach Hause kam, hatten wir einen neuen Fernseher und eine neue Polstergarnitur.

Inzwischen war unsere Tochter zwei Jahre alt. Die Geburtstagsfeier musste natürlich im besten Restaurant stattfinden. Alle waren mit unserer finanziellen Situation zufrieden.

In Frankfurt auf dem Flughafen organisierten wir ein Essen für 1500 Personen mit acht Sterneköchen. Wir gingen den Sterneköchen auf den einzelnen Posten zur Hand. Einige berühmte Köche waren so nervös, dass sie auf der Toilette eine halbe Flasche Whisky tranken, um ruhig zu werden. Außer uns bekam das keiner mit. Ein Sternekoch aus Spanien war so besoffen, dass wir die Hauptarbeit verrichteten und als das große Lob kam, stellte er sich als den großen Meister hin. Wir waren eben nur die Wasserträger. Als Dank gab er uns jedem einen Hunni und gut war´s.

Inzwischen besichtigte meine Frau Häuser, die zu kaufen waren. Sie wollte endlich ein eigenes Haus haben. Ich war da sehr vorsichtig und konnte mich nicht entscheiden, was sie sehr wütend machte.

Ich verdiente inzwischen mindestens siebentausend Euto im Monat. Aber ich musste auch ein paartausend Euro Steuern zahlen. Es kam nun vor, dass ich von einem Auftrag in den nächsten geschickt wurde, weil irgendein Blödmann ausgefallen war. Das passte meiner Frau nicht, aber es brachte Kohle ins Haus und dass war wichtig für sie. Ich spürte, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich rauchte immer mehr und ich trank auch immer mehr Alkohol. Auch hatte ich vor jedem Auftrag Angst und Lampenfieber. Ich stellte fest, dass ich manchmal zitterte, wenn ich mir eine Zigarette anzündete. Als ich von einem Auftrag nach Hause kam, saß ein Makler bei uns. Er wollte uns ein Haus verkaufen, welches meine Frau entschieden hatte. Ich wurde wütend und machte ihr klar, dass sie meine Unterschrift nicht bekommt. Der Makler haute erbost ab und meine Frau machte mir eine große Szene. „Du bist doch unfähig als Vater, weil du nie hier bist. Und auch im Bett bist du nicht mehr zu gebrauchen. Ich muss mich schon selbst befriedigen, weil du das nicht mehr schaffst.“

Ich explodierte fürchterlich und ging in die nächste Kneipe. Ich hatte es auch schon gemerkt, dass es im Bett nicht mehr so war wie früher. Aber es so von der Frau zu hören, war vernichtend. An diesem Abend versackte ich fürchterlich. Irgendwann wachte ich zu Hause wieder auf. Meine Frau war nicht da. Sie war mit meiner Tochter zu ihren Eltern gefahren. Das stand auf einem Zettel, der auf dem Tisch lag. Ich musste am nächsten Tag wieder los nach Berlin. Ich versuchte meine Frau bei ihren Eltern zu erreichen, aber ihre Mutter meinte, sie wolle mich nicht sehen. Also fuhr ich nach Berlin.

Am Berliner Funkturm warteten 800 Gäste auf uns. Es waren zwar viel weniger als wir gewohnt waren, aber es gab ein fünf Gänge Menü. Zwischen den einzelnen Gängen sollten Varietékünstler auftreten. Das kostete pro Person 160,00 €. Zwei Sachen passierten zur gleichen Zeit. Ein Kollege ließ die Suppe anbrennen, so dass wir eine neue kochen mussten und zwei neue Kollegen standen in einem fort rauchend vor der Tür. Ich stellte sie zur Rede und machte ihnen klar, dass wir dafür keine Zeit haben. Sie meinten, das gehe ihnen am Arsch vorbei. Wütend ging ich wieder in die Küche. Inzwischen bekam ich rasende Kopfschmerzen. Ich ging ins Büro, um mir Tabletten zu holen, aber ich kam nicht so weit. Plötzlich hörte ich alle Stimmen von weit her. Ich sah nur noch einen Schleier vor Augen. Mein Kopf dröhnte und hämmerte. Ich hielt mich am Tisch fest. Von irgendwo hörte ich: „Was ist mit dir?“ Dann war Funkstille.

Als ich wieder aufwachte, lag ich im Krankenhaus und war an vielen Schläuchen angeschlossen. Am Bett saß jemand in einem grünen Kittel. Ich hatte eine Sauerstoffmaske auf. Da erkannte ich meine Frau in dem grünen Kittel. Von weit her hörte ich sie fragen, wie es mir geht. Ich konnte gar nicht antworten. Wo war ich denn hier?

Ich war zusammengebrochen und lag in der Berliner Charité. Eine Schwester machte mir klar, dass ich eine Woche im Koma gelegen hatte. Ich hatte einen Schlaganfall bekommen. Mein ganzer Körper funktionierte nicht mehr richtig. Man hat mich gefüttert und man hat mir strenge Bettruhe verordnet.

Einen ganzen Monat lag ich dort, bis ich wieder einigermaßen laufen konnte. Meine Hände zitterten wie bei einem Greis. Meine Frau rief mich von Zeit zu Zeit mal an, wie es mir denn gehen würde. Als ich ihr sagte, es geht mir wieder besser, meinte sie, dann könne sie mir ja sagen, dass sie sich gern trennen würde von mir. Sie kennt ihren Freund schon länger, weil ich ja nie zu Hause war und er würde sich auch rührend um die Kleine kümmern. Außerdem ist er selbständiger Handwerkermeister, verdient nicht schlecht und ist immer zu Hause. Das hat mir den Rest gegeben. Meine Nerven spielten nicht mehr mit und ich brach zusammen.

Zwei Monate habe ich nur an die Decke gestarrt und habe mich gefragt „Warum“? Nach einem viertel Jahr kam ich nach sechs Wochen Reha wieder nach Hause. Nein, ein zu Hause gab es nicht mehr. Ich hatte mehrere Monate Krankengeld bezogen, aber mehr als 2000,00 € waren nicht auf dem Konto. Aber was soll ich machen? Meine Frau hatte Kontovollmacht und wir sind auch noch nicht geschieden. Außerdem muss ich ja auch Unterhalt für unsere Tochter zahlen. Vielleicht muss ich sogar froh sein, dass die 2000,00 € noch da sind. Dass ist jetzt ein Jahr her. Langsam geht es mir besser und ich versuche, wieder in das Leben zurück und in den Beruf zu kommen. Wir sind inzwischen geschieden und ich hörte vor einigen Tagen, dass meine Frau demnächst heiraten wird.“ Ich war völlig fertig darüber, was er mir hier erzählt hat.

Einige Tage habe ich über dieses Schicksal nachgedacht. Ich möchte nicht, dass mir so etwas auch geschieht. Ich überlegte schon einige Zeit das Geschäft zu verkaufen. Ich wollte mich nicht mehr um zwei Geschäfte kümmern.